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Grillenburg. Der örtliche Postkutschenverein hat sein brandneues Gefährt gestern in Dienst gestellt.

Der Zeitsprung zur Reisepraxis des Biedermeier ist ein mühevoller Aufstieg – zumindest, wenn dem Postkutschenpassagier ein Dachplatz zufällt. Ãœber schmale Trittstufen und die Streben der Sitzbank geht es empor. Wie mag sich ein Frauenzimmer um 1850 mit ausladender Garderobe angestellt haben? Geschafft! Der Hornist mir vis-á-vis setzt sein blitzendes Blech an, und über die Grillenburger Wiesen schallt sein Signal in den Morgendunst: „Abfahrt der Personenpost!“

Horn und Trompete waren die Handys der Postillione, sagt André Kaiser. Der Grillenburger arbeitet eigentlich als Verwaltungsexperte im Dienst des Wirtschaftsministers. Doch heute ist er Königlich-Sächsischer Postler. In blaugelber Uniform, Zweispitz und hohen Reitstiefeln wird er die brandneue Postkutsche des 1.Sächsischen Postkutschenvereins, seines Vereins, auf ihrer Jungfernfahrt von Grillenburg nach Dresden dirigieren.

Die gelben Wagen rollen seit 2004 wieder durch den Tharandter Wald. Es sind Nachbauten historischer Originale, die an Zeiten erinnern, als auf der Dresden-Freiberger Chaussee noch richtig die Post abging. Bislang waren die Kutschen nur zu Besuch oder geborgt. Doch nun hat die Region ihr eigenes Vehikel. Für 30000 Euro wurde es in Polen gebaut und Ende April geliefert. Einsteigen sollen Touristen, Festgesellschaften oder Verkehrsnostalgiker, um damit „Sachsens schönsten Wald“ im Reisetempo des 19.Jahrhunderts zu erkunden.

Gestern hatten sich die Postillione allerdings Lokalprominenz aufgeladen: Landrat Bernd Greif nebst Gattin, Tharandts Stadtchef Silvio Ziesemer mit Familie, die Pohrsdorfer Apfelkönigin Ramona Holz mit Zepter und Krone. Vom Grillenburger Waldhof – dem „Heimathafen“ der Kutsche, ging es nach einem Zwischenstopp am Jagdschloss mitten hinein ins Fichtengrün des Tharandter Waldes.

Gebremst wird mit Hydraulik

Wer dachte, die Fahrt würde ein Härtetest fürs Sitzfleisch werden, sah sich angenehm getäuscht: Ãœppige Sitzpolster und Blattfedern an der Karosse bewirken, dass der Passagier nicht über jede Unebenheit der Piste informiert wird. Dabei ist der Komfort nicht moderner Aufrüstung geschuldet, sondern original, sagt André Kaiser. „Das Fahrgefühl entspricht dem von damals.“

Am alten Kurhaus rollt das Gespann in Hartha ein, und Udo Pflugradt stößt wieder in seine Basstrompete und intoniert „Hoch auf dem gelben Wagen“. Der Schall weckt die Harthaer auf. Sie lunschen hinter den Gardinen vor, sperren die Haustüren auf, äugen ungläubig übern Gartenzaun. Am Seniorenwohnpark winkt man vom Balkon herüber, und von den Lippen lässt sich lesen, dass dort die Postillions-Hymne textsicher mitgesungen wird.

Auf der Steilabfahrt nach Tharandt hinab bin ich froh, dass unsere Chaise eben doch nicht hundert Prozent Biedermeier ist. Das hydraulische Zweileitungsbremssystem arbeitet wacker, und so kommen wir sicher im Tale an. Am neuen Tharandter Markt zücken die Gäste der Forststadt ihre Objektive, und die Wirtin vom „Schillereck“ winkt uns enthusiastisch nach.

Vielleicht, denke ich, war eben dies der letzte Anblick, den der große Dichter von Tharandt hatte, als er im Mai 1787 mit dem „Don Carlos“ im Gepäck aus dem Städtchen fuhr. Und es passt, was er damals, wenn auch etwas zynisch, über seine Reise schrieb: „Eine reizende Landparthie weiß Gott!“