Die Blumengöttin Flora kann wieder lachen: Der von der Augustflut 2002 stark verwüstete Park von Schloss Weesenstein unweit von Heidenau und Pirna ist wieder ein Schmuckstück. Morgen wird er der Öffentlichkeit übergeben. Foto und Reproduktion: Ronald Bonß
 

 

Was lange währt, wird gut. ViereinhalbJahre nach der Flut wird der Schlosspark Weesenstein morgen der Öffentlichkeit übergeben.

Natürlich ist es Einbildung. Flora lächelt kein bisschen mehr, als sie es ohnehin seit Langem tut. Die römische Göttin der Blumen und des Blühens, 1861 vom sächsischen Bildhauer Wolf von Hoyer erschaffen, lächelte selbst dann noch, als sie im August 2002 unter dem Ansturm der Müglitzfluten vom Sockel stürzte und ihre linke Hand verlor, die dem Betrachter eine Rose reicht. Die lag dann genauso wie sie selbst im dicken Schlamm.

 

Im Gedächtnis der Menschen blieben andere Bilder: Menschen auf dem letzten Mauerrest, umtost von der reißenden Müglitz, weggerissene Häuser, ein zerstörtes Weesenstein. Das war furchtbar, sagt Schlosschefin Andrea Dietrich. Aber geweint hat sie, als sie damals vom höher gelegenen Meusegast den Hang herunterkam und den Park sah: Von den Wegen war nichts mehr zu erkennen. Ãœberall nur Schlamm und Treibgut, teilweise meterhoch. Hundert der 108 Linden einfach weggespült.
 

Jahre der Einsamkeit

Das Stahlgerüst der Laubengänge zur Erde gebogen. Brücken weggerissen oder defekt. Und dort, wo die Müglitz die Schutzmauer durchbrochen und sich ein neues Bett gegraben hatte, zog sich eine bis zwei Meter tiefe, zehn Meter breite Wunde voller Geröll. „Noch drei Tage nach der Flut konnten wir nicht in den Park, wir wären im Schlamm versunken“, erinnert sich Schlossgärtnerin Luise Kallweit.

Flora kam schnell wieder auf die Beine. Schon 2003 stand die Göttin wieder auf ihrem angestammten Platz. Heil und marmorweiß â€“ aber lange Jahre einsam. Die Schlossleute wurden schon ungeduldig. Doch was hätte es für Sinn gehabt, den dritten Schritt vor dem ersten zu gehen, die Arbeiten ohne Klarheit über das Müglitz-Hochwasserschutzkonzept zu beginnen? Und vor der filigranen Arbeit musste die schwere Technik ihr Werk getan haben. Jetzt aber ist alles geschafft: Das erhaben auf dem Felsen thronende Schloss, die bewaldeten Berghänge und zwischen ihnen – wie auf einer Lichtung – die barocke Gartenanlage bilden einen selten harmonischen Dreiklang. Und auch der davorliegende, im August 2002 so schwer getroffene Ort Weesenstein zeigt sich wieder schmuck. Flora hätte also allen Grund, mehr zu lächeln als sonst.
 
Ungeliebte Scheinzypressen

Der Blick, den die Göttin genießt, gehört zu den prächtigsten im Schlosspark. Mächtige Scheinzypressen führen ihn zum barocken Gartenpavillon. In der Mitte der Allee steht wieder jene Säule mit goldener Kugel, die ans 50. Hochzeitsjubiläum von König Johann und seiner Frau Amalie erinnert. Eingelagert war die Säule ein Opfer der Flut geworden. Die Gartendenkmalpfleger hassen übrigens die Scheinzypressen wie die Pest; die hätten in einem barocken Park nichts zu suchen. „Ich sehe das nicht so drastisch“, sagt die Schlosschefin. Und die Besucher gleich gar nicht; die sind meist schwer beeindruckt von der Wirkung dieser Allee.

Dass die zylindrisch geschnittenen Bäume überhaupt noch leben, zählt zu den kleinen Wundern nach der Flut. Ermöglicht wurde es von über 1200Helfern, die wenige Tage nach der Flut der Schlammschicht im Park mit zum Teil primitivsten Mitteln zu Leibe rückten. Schlossgärtnerin Luise Kallweit erinnert sich noch gut an diese Wochen. Sie organisierte damals die Einsätze und hielt die Namen aller Helfer in einer Chronik fest. Manche Scheinzypresse stand fast bis zu einem Meter tief im Dreck. Da fielen je Baum bis zu 30Schubkarren Schlamm an, weshalb die Helfer solche Exemplare 30-Karäter nannten. Das Loblied auf die Helfer der ersten Stunde wird auch im Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement gesungen. Der ist zuständig für die Detailplanung und die Bauüberwachung. „Wir sind den Helfern so dankbar; ist der Schlamm erst hart, ist alles vorbei“, sagt der Dresdner Niederlassungsleiter Ludwig Coulin.

35 Firmen haben dem Park seine Pracht wiedergegeben, alle aus Mitteldeutschland. Sie schickten Restauratoren, Bildhauer, Steinmetze, Zimmerer, Maurer, Schmiede, Garten- und Landschaftsgestalter, Brückenbauer. Die absolut Letzten sind Rico Schreiber und Bert Päßler von der Grünanlagenfirma Pügner aus Schwarzenberg. Mit ihrer Walze geben sie den rötlichen Wegen den letzten Feinschliff. „Und noch paar Steine rauslesen, dann ist’s gut“, sagt Schreiber. Eine kniffligere Angelegenheit war das Stützgerüst für die Laubengänge mit den Hainbuchen. Nichts da mit Katalogware, „da ist alles geschmiedet“, sagt Coulin. Vom Laubengang führt der Weg übrigens jetzt direkt durch den Pavillon mit seiner kleinen Ausstellung zur Parkgeschichte.

Selbst so eine einfache Sache hatte es in sich wie das Treppengeländer an der Gärtnerpforte, „an dem heute leider jeder Architekturstudent scheitern würde“, so Coulin. „Handlauf mit gebogenem Ende“ heißt das Stück in der dicken Baudokumentation. Es war nach der Flut nicht mehr auffindbar. In Handarbeit entstand es wie so vieles andere neu: geschmiedet, grundiert, gestrichen. „Die hier mitgebaut haben, sind davon ausgegangen, sich ein Stück für die Ewigkeit zu verwirklichen. Sie waren mit Herzblut dabei.“

Hightech für Linden

Schlank und schmal ragen an den symmetrisch angelegten Wegen die Linden empor. 15Jahre wuchsen sie in einer thüringischen Baumschule und bringen es immerhin schon auf sechs Meter. Viel dichter als vor der Flut sind sie gesetzt. So wie das laut Denkmalschutz angeblich schon früher war. Wer weiß â€“ über den historischen Park existieren außer einem Pflanzplan von 1909 kaum Quellen.

Fünf Jahre brauchen die neuen Linden, ehe es wieder so ist, wie es sein soll. Dann werden sich ihre Kronen berühren und über den Alleen ein grünes Dach bilden. Die üblichen Stützen fehlen an den jungen Stämmen. Sie würden das Bild stören. Gut geschützt gegen Stürme sind die Bäume dennoch. Das bewirken von den Wurzelballen ausgehende, tief in der Erde verankerte Nylongurte, die später mal verrotten. Sozusagen Baumschul-Hightech im historischen Park. Ein wenig trauert die Schlossgärtnerin den acht alten Linden nach, die der Flut getrotzt hatten und trotzdem weichen mussten. „Sie hätten auf ihre Weise eine Geschichte erzählt“, meint Luise Kallweit, „nur wäre das Bild dann nicht so perfekt einheitlich gewesen.“ Auch die Esel der Schlossbrauerei, die zu besonderen Anlässen die Gäste den steilen Weg hoch zum Schloss tragen, fanden im wiedererrichteten Park keinen Platz. Ihr Stall steht nun im benachbarten Maxen.

Die große Hoffnung

Viele Ehrengäste werden dabei sein, wenn morgen an der König-Johann-Brücke ein weißes Band zerschnitten und damit zugleich die Saison der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsens eröffnet wird. Die Sandsteinbrücke führt vom kleinen, schon 2003 wieder fertiggestellten Garten in den großen Park und sieht völlig neu aus. Dabei hatte sie, zwar arg mitgenommen, der reißenden Flut widerstanden.

Flora mit ihrem milden Lächeln wird das festliche Treiben beobachten. Und insgeheim hoffen, dass stimmt, was die Experten versprechen: Dass der Park jetzt vor Flutverwüstungen sicherer ist als vorher. Denn am südlichen Ende, kurz vorm grünen Tor, haben die Ingenieure in die Schutzmauer eine sogenannte Sollbruchstelle eingebaut. Steigt die Müglitz zu hoch und wird ihr Druck zu stark, soll die Mauer nur an dieser Stelle brechen und das Wasser über eine schwach ausgeprägte Mulde an den Hauptwegen vorbei abfließen. Rechnerisch sieht alles gut aus.