Weltreisen auf Schloss Freudenstein

Die Heimatliebe einer alten Dame wird zum Glücksfall für einen Freiberger Schandfleck. Nach der Sanierung öffnet nun das erste Haus.

Noch liegen die farbenprächtigen Mineralien aus China in der Werkstatt der Steinmetzfamilie Deisinger. Im Bergarchiv stehen all die Umzugskisten noch gefaltet auf schmalen Gängen. Und Martin Schlösser kocht in der Osterwoche die letzten Stunden ohne Publikum. Doch für den 36-jährigen Küchenchef und seine Mannschaft wird es an diesem Sonnabend ernst. Die Gastronomen sind die Ersten, die das Freiberger Schloss Freudenstein wieder mit Leben erfüllen, nachdem es vier Jahre lang saniert worden ist.

Noch 2003 liefen Besucher auf ihrem Bummel durch die Burgstraße direkt auf den Schandfleck der heimlichen Erzgebirgshauptstadt zu. Die Schlossfassaden verwitterten. An vielen Stellen fiel Putz von den Außenwänden. Die Dächer mit windschiefen Schornsteinen waren nur notdürftig repariert.

Standort von Weltgeltung

Vor 840 Jahren hatte Markgraf Otto von Meißen hier zum Schutze des Bergbaus eine Burg errichten lassen. „Kein Mensch weiß heute, wie die alte Burg aussah“, sagt Knut Neumann, Vorsitzender der Historischen Freiberger Berg- und Hüttenknappschaft und Chef des Liegenschaftsamtes der Stadt. Mitte des 16.Jahrhunderts wich die Burg einem Renaissanceschloss. Das wurde zwei Jahrhunderte später zum Speicher umgebaut und fristete fortan kein herrschaftliches Dasein. Eine Perle der Architektur hatten die Freiberger mit Schloss Freudenstein wohl nie.

Dieser Tage wecken die helle cremefarbene Fassade und die neugedeckten Dächer die Neugier vieler auf dem städtischen Boulevard. Als das Torhaus–eines der wenigen Renaissance-Zeugnisse–unlängst erstmals die Türen öffnete, kamen 17000 Besucher und staunten nicht schlecht, was aus dem Schandfleck der Stadt geworden ist. Neben dem Dom und der historischen Altstadt könnte der Freudenstein bald ein neues Wahrzeichen der Stadt werden. Nach 250 Jahren verdient er endlich wieder den Namen Schloss. Insbesondere wegen der Schätze, die hier bald zu bestaunen sind, wird Freiberg endgültig zu einem Geo- und Montanstandort von Weltgeltung.

Aber noch werkeln Elektriker, Klempner, Klimatechniker und Maler im Langen Haus und im Kirchenflügel–den beiden wichtigsten Gebäuden. Die Steinmetze Karl-Heinz und Thomas Deisinger mussten vor wenigen Tagen mit ihren Leuten die Baustelle im Asienzimmer sogar wieder verlassen, weil unerwartet Schäden am Fußboden sichtbar wurden. Die Deisingers bauen aus Leichtbetonsteinen einen Bergbaustollen nach. Er gehört zu den Attraktionen der Terra Mineralia–„der wohl schönsten Mineraliensammlungen auf der Welt, die künftig hier zu besichtigen ist“, sagt Karin Rank. Die Geologin gehört zu den Mitarbeitern der TU Bergakademie Freiberg, die die rund 80000 Exponate betreuen.

Die promovierte Biologin Erika Pohl, eine wichtige Aktionärin des Konzerns Wella, hat die einmalige Sammlung in 50 Jahren zusammengetragen. Die Heimatliebe der heute 88-jährigen Dame war wohl ein Glücksfall für Schloss Freudenstein. Die passionierte Sammlerin wuchs im sächsischen Rothenkirchen auf, zwischen Erzgebirge und Vogtland. In Sachsens Mittelgebirgen soll sie ihre Leidenschaft für Mineralien entdeckt haben. Später sammelte sie in aller Welt.

Als in Fachkreisen die Information kursierte, dass Erika Pohl die wohl größte private Mineraliensammlung der Welt in einer Stiftung der Öffentlichkeit zugänglich machen möchte, war Georg Unland, der Rektor der TU Bergakademie, der Mann der Stunde. Er überzeugte die überaus wohlhabende, wie bescheidene Frau, dass ihre Sammlung die Freiberger Mineralien ideal ergänzen könne.

Vorsortieren am geheimen Ort

In einem denkwürdigen Augenblick auf dem Neujahrsempfang des sächsischen Ministerpräsidenten im Janauar 2003 sollen sich Georg, der Rektor, und Georg, der Regierungschef, einig geworden sein, dass Schloss Freudenstein ein würdiger Platz für die Sammlung der Erika Pohl wäre. Außerdem konnte das Schloss auch das Bergarchiv aufnehmen, für das der Freistaat schon ein neues Domizil auf der grünen Wiese plante.

In größeren Abständen kommen derzeit Kisten mit Mineralien aus der Schweiz, wo Erika Pohl heute lebt, nach Freiberg. An einem Ort, den Karin Rank aus Sicherheitsgründen nicht nennt, werden die Mineralien derzeit dokumentiert, fotografiert und vorsortiert.

Fachleute stellen in den nächsten Wochen die schönsten Stücke zu einer „mineralogischen Weltreise“ zusammen. Ab Oktober werden auf 2500Quadratmetern etwa 5000 der schönsten Minerale, Edelsteine und Kristalle aus dem Erdreich aller fünf Kontinente zu sehen sein. In der ersten Aprilwoche wollen die TU-Mitarbeiter, die die Sammlung betreuen, in das Depot einziehen, wenig später soll eine Spezialfirma beginnen, die Vitrinen aufzubauen.

Jeder Kontinent werde mit einer anderen Ãœberraschung aufwarten, sagt Karin Rank. In Afrika erlebe der Besucher eine Zeitreise, in Europa könne er die Reise der Minerale in der Erdkruste entdecken, in Asien gehe die Reise ins Innere der Mineralien. An einer Stelle könnten Besucher eigene Mineralien untersuchen, TU-Studenten würden ihnen dabei helfen, sagt die Geologin.

Die wertvollsten Exponate werden in der sogenannten „Schatzkammer“ gezeigt, die eigentlich über Jahrhunderte Küche war. Am rußschwarzen Deckengewölbe und den unbehandelten Wänden ist das zum Leid der Geologen noch heute sichtbar. „Ausgerechnet das Beste in der Küche.“ Karin Rank zweifelt an der Sinnhaftigkeit dieser gewagten Kombination, auf der die Berliner Architekten Sven und Martin Fröhlich angeblich bestehen.

Ihr architektonisches Sanierungskonzept trägt vor allem der neuen Funktion der beiden größten Häuser als Ausstellungs- und Archivgebäude Rechnung. Was dabei im alten Kirchenflügel entstanden ist, begeistert Peter Hoheisel, den Leiter des Bergarchivs. Mit fast fünf Kilometer Akten und über 100000Karten, Plänen und Rissen werden er und seine neun Mitarbeiter quasi im alten Speicher in ein völlig neues Haus ziehen. Bestens klimatisiert, bietet der Neubau Platz für sechseinhalb Kilometer Akten. Im Lesesaal finden zwei Dutzend Archivnutzer ausgezeichnete Arbeitsbedingungen. „Wir bleiben zwar eines der ältesten Montanarchive, aber wir werden auch eines der modernsten“, sagt Peter Hoheisel. Generalstabsmäßig sei der Umzug geplant, der am 1.April beginnt und in der zweiten Maihälfte abgeschlossen sein soll.

Attraktion für Touristen

Lediglich die alte, kurfürstliche Treppe führt zu Hoheisels Dienstzimmer. Ansonsten haben die Bauleute einen vollkommen neuen Funktionsbau aus beschlagenem anthrazitfarbenen Beton in den entkernten Kirchenflügel gesetzt. Gleich hinter dem Eingang kann der Archivnutzer vom Erdgeschoss aus zwischen dem Beton des Neubaus und der alten Speichermauer bis unter das Dach schauen. Ein imposanter Anblick. Sogenannte Hutzen verbinden Neu- und Altbau und enden gut sichtbar außen an der Fassade. „Die Elemente sollen daran erinnern, dass das mal ein Speicher war“, sagt Knut Neumann.

Bei den Freibergern, die an der Sanierung meinungsfreudig Anteil nehmen, gab es wegen der „Schießscharten“, wie die Hutzen genannt werden, heftige Diskussionen, ebenso wie über die reichlich grellen Farben, die die Architekten bisweilen wählten. So wird der Besucher in violett empfangen.

„Aber insgesamt stehen die Leute zum Schloss“, sagt Knut Neumann. Oberbürgermeisterin Uta Rensch hofft, „dass Freiberg mit dem Schloss als touristischer Anziehungspunkt attraktiver wird“. Gegen so manchen Widerstand im Stadtrat hat sie als Bauherrin das Projekt durchgeboxt–insbesondere als absehbar war, dass die Kosten von 16 auf rund 35 Millionen Euro ausufern. Die sprudelnde Gewerbesteuerquelle habe dafür gesorgt, „dass wir am Schloss nicht zugrunde gehen“, sagt sie optimistisch. Auch wenn die erwarteten 150000 Besucher im Jahr genervt nach Parkplätzen suchen werden.

„Die Welt zum Reinbeißen“

Mehr als einhundert Sitzplätze erwarten Schlossbesucher ab diesem Sonnabend im sogenannten „Schmalen Haus“. In dem versprechen Anette Haber und Claudia Kühne „Genuss im Schloss“. Die beiden selbstbewussten jungen Frauen erhielten Ende 2006 den Zuschlag für das Restaurant und erwirkten erst einmal Baustopp, weil die eh schwierige gastronomische Gestaltung des schmalen Hauses nicht ihren Plänen von einem breiten Angebot entsprach. Nach dem Umbau gibt es nun in fünf Räumen vielseitige Angebote von der Vinothek über den Rauchersalon bis hin zu einem Hochzeitszimmer.

Am Eingang gleich rechts steht Martin Schlösser am offenen Küchenblock. Der ehemalige Assistent von TV-Koch Johann Lafer ist Dresdnern vielleicht aus dem Hotel Pattis bekannt. Nun werde er in Freiberg das Essen zu bezahlbaren Preisen zum Erlebnis machen, sagt Anette Haber, eine der beiden Geschäftsführerinnen. Geworben wird mit Sprüchen wie „Die große weite Welt zum Reinbeißen“.

Wie in der Terra Mineralia stehen kulinarische Weltreisen auf dem Veranstaltungsplan. „Auch wir bieten alle Kontinente an, nur die Antarktis nicht“, sagt Martin Schlösser und lacht. „Bei uns kommt nämlich nichts aus dem Tiefkühlschrank.“

   
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