kreuzkirche Mag es derzeit draußen ordentlich regnen – für die Kruzianer herrscht eitel Sonnenschein. Alle Geldsorgen, alle Querelen der vergangenen Monate sind Geschichte – das zumindest verkündeten gestern bei der Vorschau auf die Saison 2013/14 Kreuzkantor Roderich Kreile und die oberste Dienstherrin, Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz: „Der Kreuzchor ist eines der wichtigsten Aushängeschilder Dresdens wie Deutschlands. Wir werden alles tun, um dieses noch mehr zu polieren“, sagte Orosz. Die Stadt fühle sich verantwortlich für diesen engagierten Botschafter auswärts und Kulturbringer für die Menschen daheim.

Der Etat von 3,4 Millionen Euro ist dank des Zuschusses der Stadt von 2,9 Millionen Euro stabil. Die viel diskutierte Erhöhung des Elternbeitrages um bis zu 30 Prozent – die erste Erhöhung seit zehn Jahren – ist von den meisten Eltern akzeptiert und liegt dem Stadtrat diese Woche zur Abstimmung vor. Die überfällige Erhöhung des Zuschusses der Kreuzkirche als Hauptnutzer des Ensembles werde demnächst verhandelt. Bislang überwies das Gotteshaus gerade mal 66000 Euro jährlich für die Dienste der Knaben in 50 Gottesdiensten und Vespern sowie 15 Konzerten.

Mehr noch: Dem Management gelang es, hochpotente Partner zu gewinnen. Drei sächsische Edelbetriebe, die Porzellanmanufaktur Meissen, die Gläserne VW-Manufaktur und die Uhrenmanufaktur Lange & Söhne Glashütte, sowie das Max-Planck-Institut unterstützen den Klangkörper. Weitere Partner sind willkommen.

Die Bürgermeisterin zieht den Hut

Wieso haben sich plötzlich, nach fast eskaliertem Streit offenbar alle Probleme in Wohlgefallen aufgelöst? „Wie im normalen Leben haben wir lange diskutiert, über den Tellerrand geschaut und in einer lehrreichen Zusammenarbeit neue Lösungsansätze gefunden“, sagte die Oberbürgermeisterin. Man habe verstanden, dass die Verantwortung für den Chor ein stärkeres Engagement erfordere. „Was die Sänger leisten, ist enorm. Ich ziehe meinen Hut vor den jungen Menschen, den Chormitarbeitern und den Eltern, die dafür sorgen, dass dieser Klangkörper so erfolgreich arbeiten kann. Doch dafür brauchen alle das Gefühl, auf breiten Schultern getragen zu werden.“

Dabei ist der Kruzianer an sich nicht nur gut, sondern auch fleißig. Rund 100 Auftritte haben die derzeit 141 Jugendlichen in dieser Saison vor sich, die am Sonnabend mit einer Vesper startet. Den größten Teil absolvieren sie in der Heimat. Kreuzkantor Kreile: „Unser Tun in Dresden ist die Wurzel. Die Gottesdienste und Vespern in der für alle offenen Kreuzkirche sind quasi unser Schwarzbrot.“ Zudem sind gewichtige Werke der Chorsinfonik wie Brahms’ „Deutsches Requiem“ und Händels Oratorium „Solomon“ geplant. Und es wird entdeckungsreiche Ehrungen für die ehemaligen Kreuzkantoren Gottfried August Homilius, Rudolf Mauersberger und Martin Flämig geben.

Neben den traditionellen Angeboten wie Weihnachtsliederabenden und Weihnachtsoratorien ist erstmals unter dem Motto „Ihr Kinderlein, kommet“ ein Adventsliederabend zum Mitsingen für die ganze Familie vorgesehen. „Wir wollen ja nicht nur die Traditionen pflegen, sondern weiter offensiv auf unser Publikum zugehen.“ Eine repräsentative, bewusst nicht in der Kreuzkirche durchgeführte Umfrage unter Dresdnern und Touristen bestärkt ihn darin. Der Kreuzchor hat eine so große Akzeptanz wie keine andere Institution der Stadt. „Und da wollen wir nicht nachlassen“, sagt Kreile, der auch mehr weltliche Stücke einstudieren möchte.

Premium-Jubiläum ohne Dokument

Letzteres dient auch dem Marktwert des Knabenchores. Der wächst, was sowohl die Nachfrage nach Deutschland-Tourneen als auch bei internationalen Veranstaltern beweist. Dreimal reisen die Sänger durch die deutsche Heimat. Und nachdem die „singenden Engel“ schon seit Langem vom asiatischen Publikum geliebt werden, wollen sie im Oktober erstmals die Chinesen überzeugen. „Für uns öffnet sich ein ganz neuer Markt“, sagte Kreile. Sein Ensemble musiziere in den größten Konzerthallen von Peking, Schanghai und Dresdens Partnerstadt Hangzhou. Die Einnahmen solcher Reisen sind wichtig, aber ebenso die Beifallsstürme. „Besonders die Anerkennung in der Fremde ist für viele Kruzianer der Lohn für die Mühen des Alltags.“ Immerhin: Gut 3400 Euro „erwirtschaftet“ so ein junger Mann pro Saison mit seinen Auftritten.

Und weil gestern alle Sorgen fort schienen, eröffnete das Podium eine neue, schöne Perspektive. 2016 feiern Chor, Kreuzkirche und Kreuzgymnasium das 800-jährige Bestehen – und das geht laut Manager Uwe Grüner mit Festwochen daheim und vielen nationalen und internationalen Aktivitäten „nur ganz groß“. Das Wort Premium-Fest machte die Runde. Gesucht werden weitere Partner, um dieses Ereignis weltweit zu kommunizieren.

Ein Dokument für das Jubiläum gibt es nicht. Immerhin eine Kirche stand am Ort, und es werde wohl Sänger und eine Schule gegeben haben. Ein Kantor ist erst viel später nachweisbar. Kreile, dem 28. Kreuzkantor seit der Reformation ficht das nicht an. „So ein Jubiläum setzt so viele große Kräfte frei. Warum sollen wir die Chance ungenutzt lassen und nicht ordentlich feiern?“

 

   
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