Off säggs’sch

Semmeln holen gehörte jahrelang zu meinen Aufgaben am Sonnabendmorgen. Tante schickte mich in die morgendliche Warteschlange. Noch heute sagt sie konsequent Semmeln. Das Wort ist aus dem Lateinischen entlehnt, simila, was übersetzt feinstes Weizenmehl heißt. Auch hier gibt es wieder eine enge Beziehung zwischen dem Sächsischen und dem Slawischen, denn unsere tschechischen Nachbarn sagen Zemle. Mich erinnert dies fatal an Zement, denn so hart waren früher die Konsumsemmeln. Damit konnte man dem Laden die Schaufensterscheiben einschmeißen. Das ist heute anders. Als ich kürzlich zum Bäcker meines Vertrauens kam, stand hinter der nagelneuen Glastheke eine nagelneue Frau. „Ich hätt gern vier Semmeln“, sagte ich. „Hammer ni“, sagte die Jungbäckerin. Das war der Hammer. „Se könn hier die Dreisaat ham oder Semsam, Dinkel, Kürbis, Zimt oder Kartoffel. Ich hab ooch ä schönes Schoko-Krusong oder Quarkinies.“ So ein Quark. Ich wollte vier Semmeln. „Die lagen immer dorte hintn“, sagte ich. „Dorte is noch ni“, sagte die Jungbäckerin. „Ich empfehle Ihnen die Schiabatta mit Mohn oder ohne oder mit Seman oder ohne.“ Um mich verständlich zu machen, sagte ich: „Ich möchte ein paar einfache Semmeln, Brodeln, Brötchen oder Schrippen.“ Sie schaute mich an und sagte: „Ach so, sie komm von drieben und denken wo, hier gibt’s noch Brot aus der DDR.“Ich fühlte mich ziemlich altbacken. Denn die Jungbäckerin verstand weder die sächsischen Semmeln oder Brodeln noch die norddeutschen Brötchen und erst recht nicht die Berliner Schrippen. Was war nur aus meinem guten alten Bäcker geworden? Ich fuhr zur Tankstelle und ließ mir dort ein paar Fertigteilbrötchen aufbacken. Die schmeckten wie Semmeln aus dem Konsum, nur mit viel heißer Luft zwischen den Deckeln.

   
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