Off säggs’sch

Es kam, wie es kommen musste. Ich hatte Tante verlassen. Mit zwei Freunden wohnte ich jetzt in einer Studentenbude. Nach drei Monaten sagte der eine: „Morr müsste hier ma reenemachen.“Denn in der Küche lagerten dreckige Teller und Gläser, im Bad stapelten sich schmutzige Klamotten und in den Ecken die Staubflocken. Doch weil der Mitbewohner nicht selbst zum Besen greifen wollte und ihm der Mut fehlte, uns zwei aufzufordern, sagte er „Morr müsste hier ma reenemachen.“Morr heißt im Sächsischen eigentlich wir. Hätte er gesagt „morr müssten hier ma reenemachen“, so wäre klar, dass wir gemeinschaftlich einen Arbeitseinsatz in den eigenen vier Wänden hätten starten müssen. Doch das fehlende „n“ macht den Unterschied. Er sagte „morr müsste ma“, was soviel bedeutet wie man, jemand oder einer müsste es tun. Er nutzte die passive Möglichkeitsform ohne direkte, aktive Aufforderung. Dies wies zwar auf die dreckliche Situation hin, aber keiner musste sich angesprochen fühlen. Jeder konnte glauben, der Morr würde putzen. Aber kein Morr war zu sehen. Auch kein man, kein jemand und auch einer griff nicht zum Besen. Sie verweigerten konsequent ihren Einsatz und ihre Solidarität. Nach einem halben Jahr kam Tante zu Besuch. „Hier in der Dreckhornzsche kann morr sich ja ni ma hinsetzen“, schrie sie. „Was seid ihr denn für Dreckluder, ihr faules Studentenpack?“ Sie erarbeitete einen Plan. Jede Woche stand ein Name in einer Tabelle und dahinter das Zimmer, was der eine, der andere oder ich zu reinigen hatte. Als ich in der einen Woche mit der Küche dran war, vergaß ich das. Auch Morr hatte nicht geholfen. Als ich spät am Abend in die Studentenbude kam, lag das dreckige Geschirr in meinem Bett. Der Morr hate seine Schuldigkeit getan.